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"Aufstieg durch Bildung"

 

Vortrag Dr. Bernhard Bueb

 

"Ich begrüße Sie sehr herzlich als Vorsitzender des Vereins Lesezeichen. Ich habe selber wenig dazu beigetragen, bin sozusagen einer, der wie der Bundespräsident dann immer mit davon profitiert, dass die anderen die Arbeit gemacht haben. Aber ich will doch ein paar Worte sagen. Frau Kleffner hat mich gebeten, zum Thema Bildung etwas zu sagen, und das werde ich auch tun, und Sie brauchen keine Angst zu haben, dass es zu lang wird!


Ich habe es genannt: „Aufstieg durch Bildung“, um mal zu zeigen, was Bildung eigentlich sein könnte, und warum diese ganze Veranstaltung die Kinder und Jugendlichen gebildet hat.

 

Ich habe das Thema gewählt „Aufstieg durch Bildung“. Das hat die Bundesregierung einmal plakatiert – große Plakate vor Jahren „Aufstieg durch Bildung“, und das ist ja auch ein richtiger Satz. Die Frage ist aber, ob die Bildung, die wir in den Schulen erwerben, eigentlich geeignet ist, um aufzusteigen.

 

Was braucht man, wenn man aufsteigen will?


Man braucht Selbstvertrauen. Man braucht Phantasie, Energie, Durchsetzungsvermögen. Man muss diszipliniert arbeiten und leben können. Man muss im Wettbewerb bestehen können. Man darf nicht aufgeben, muss hartnäckig sein. Alles Eigenschaften, von denen ich nicht weiß, ob sie eigentlich von der Schule so vermittelt werden. Denn wenn man in Deutschland von Bildung spricht, dann fällt einem sofort akademische Bildung ein. Und es fällt einem sozusagen der Klassenbeste ein als derjenige, der als der Gebildete gelten sollte. Das heißt, in Deutschland ist Bildung immer nur geistige Bildung, kognitive Bildung, intellektuelle Bildung und im Zeugnis – Hauptschulzeugnis, Realschulzeugnis, Abiturzeugnis – steht nur das drin und wird nur bewertet, was einer intellektuell geleistet hat. Was für eine Persönlichkeit er ist, ob er interessant und farbig, ob er langweilig ist, ob er sich sozial engagiert, musikalisch ist, politisch etwas bewirken will, ob er unternehmend ist, phantasievoll – das steht da alles nicht drin. Es kann ein langweiliger Klassenbester das Ideal der deutschen Schule erfüllen. Und da fragt man sich, ob man den dann auch später noch heiraten will, so einen Menschen!

Diese Art Bildung ist doch nicht geeignet, Menschen das Aufsteigen zu ermöglichen. Bildung will ich mal versuchen zu charakterisieren. Es gibt ja zwei Länder, zwei westliche Länder, die zwei Extreme der Bildung vertreten: das sind Amerika und Deutschland. Und das kann man am besten an einer Anekdote darstellen:

Ein Amerikaner und ein Deutscher stehen in einem Garten und werden gefragt, was für ein Baum das sei, vor dem sie stehen. Der Deutsche beginnt, in seinem Wissen zu kramen, und entweder hat er Glück gehabt und die Linde wurde behandelt im Biologieunterricht, er war auch anwesend und erinnert sich noch, dann wird er erkennen, dass das eine Linde ist. Der Amerikaner kramt gar nicht in seinem Wissen, sondern der Amerikaner geht zum Gärtner und fragt. Das heißt, der Amerikaner hat gelernt, sich das Wissen zu erwerben; er weiß von vornherein, dass man nicht alles wissen kann. Nun ist es aber so, um die richtigen Fragen stellen zu können, bedarf man wiederum ein Minimum an Wissen, und daran mangelt es ja nun bekanntermaßen den Amerikanern. Also, die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte.

Aber Bildung beginnt mit den richtigen Fragen und mit der Neugierde, überhaupt fragen zu wollen. Man sollte sich ja überhaupt nicht, zum Beispiel, vor das Internet begeben ohne eine konkrete Frage, sonst verliert man sich im Uferlosen. Denn ich muss, wenn ich mich informieren will, nicht nur wissen, wie ich mir das Wissen erwerbe, sondern ich muss heute genauso wissen, wie ich mich unnötigen Wissens erwehre. Das ist heute genauso wichtig. Und die richtige Frage zu stellen, hat etwas mit der Persönlichkeit zu tun, mit dem Selbstvertrauen, mit ein bisschen Mut, diese Frage zu stellen, gerade wenn es um kompliziertere Zusammenhänge geht. Und dann auch, sich für eine Antwort zu entscheiden, die richtige herauszufinden und zu sagen: „Das ist die richtige Antwort, und das soll die Grundlage meiner Tätigkeit werden.“ Und das Ganze, wenn ich die Antwort gefunden habe und mich dafür entschieden habe, nennt man Urteil. Und die Grundlage von Bildung ist eigentlich urteilen, und sie beruht auf dem Selbstwertgefühl eines Menschen.

Wenn Sie mich einmal fragen würden: „Wer ist ein gebildeter Mensch?“, dann würde ich Ihnen folgende Antwort geben: Der gebildete Mensch verfügt über ein starkes Selbstwertgefühl, und er gewinnt es nicht aus dem Vergleich mit anderen Menschen – ganz wichtig –, denn er ruht in sich. Er hat eine gewisse Distanz zu sich, er kann „Ja“ zu sich sagen. Er kann dadurch anderen Menschen frei begegnen, und er akzeptiert andere Menschen, weil er sich selbst akzeptiert. Er lebt nach bestimmten Werten, die er begründen kann, für die er aber auch einsteht. Er richtet nicht über andere Menschen, weil er sich nicht über andere Menschen erhebt. Er ist ein Freund der Sinne und des Maßes, er kann also genießen. Er ist eigentlich ein glücklicher Mensch. Das Ziel von Schule sollte eigentlich heißen, Kinder zu glücklichen Menschen zu erziehen. Und jetzt stellen Sie sich einmal vor: in Deutschland wird ja Schule und Glück nicht in einem Atemzug genannt, sondern Schule ist Pflicht, und das Glück findet woanders statt. Jeder Schüler wird Ihnen das sofort bestätigen.

Nun ist die große Frage: Wenn also die Grundlage von Bildung das Selbstwertgefühl eines Menschen ist, wie können wir Kinder und Jugendliche so erziehen, dass sie an sich glauben lernen, dass sie sich akzeptieren lernen, dass sie „Ja“ sagen zu sich und dadurch auch zu anderen Menschen „Ja“ sagen können? Dazu brauchen sie etwas, was im Leben zentral wichtig ist, nämlich Anerkennung. Man kann geradezu sagen, das menschliche Leben ist ein ständiges Ringen um Anerkennung. Wenn Sie oder auch Ihr Euch mal an die letzten vierzehn Tage Eures Lebens erinnert, und Sie sich ganz ehrlich fragen, wie häufig Sie in diesen Tagen um die Anerkennung eines anderen Menschen gerungen haben, eines Menschen, der Ihnen wichtig war – das kann der  Ehepartner sein, ein Freund, eine Freundin, es kann ein Vorgesetzter sein, oder eine Person, die einem wichtig ist – und das Glück, Ihr Glück und Unglück hing weitgehend daran, ob Sie diese Anerkennung erhalten haben oder nicht. Anerkennung bekommen hebt das Selbstwertgefühl, stärkt das Selbstwertgefühl eines jeden Menschen und ganz besonders auch von Kindern und Jugendlichen. Und wo gewinnen sie Anerkennung? Indem sie zunächst einmal ein richtiges Verständnis von Glück haben, das heißt, wenn sie glückliche Menschen werden wollen. Denn es geht ja nicht darum, dass sie Glück haben, dass sie gute Bedingungen vorfinden, sondern sie müssen ja ein Glück erfahren, zu dem sie selber beitragen können. Sie müssen lernen, ihres Glückes Schmied zu werden. Und dieses Glück der Anstrengung – also, wenn man ein Fußballspiel gewinnen will, dann muss man sich anstrengen und erlebt glückliche Momente; oder wenn man eine Klassenarbeit gut geschrieben hat oder in einem Lesewettbewerb gewonnen hat oder ein Klavierstück gut gespielt hat – immer macht einen das glücklich, weil man sich angestrengt hat und diszipliniert gearbeitet hat und so weiter.

Und wo findet dieses Glück der Anstrengung statt? Was brauchen Kinder und Jugendliche, damit sie diese Erfahrung machen können? Sie brauchen zwei Bedingungen: Sie brauchen Gemeinschaften, in denen sie sich bewegen können, und sie brauchen Zuwendung und Zeit von Erwachsenen. Und genau das haben diese Lesetage geboten. Denn das Hauptdefizit, unter dem Kinder und Jugendliche heute leiden, ist das Defizit an Gemeinschaften und das Defizit an Zeit und Zuwendung von Erwachsenen. Gemeinschaften gibt es immer weniger. Schon die Straßengemeinschaften gibt es häufig nicht mehr – häufig mangelt es an Kindern, aber auch weil es zu gefährlich ist heute auf den Straßen. Kirchen haben sich in der Kinder- und Jugendarbeit zurückgezogen. Die Pfadfinder haben nicht mehr die gleiche Geltung. Das Vereinswesen nimmt ab, insbesondere in den Städten. Ich war kürzlich in Frankfurt, einer richtigen Vereinsstadt, in einem Seminar über Vereinswesen, und die leiden darunter, dass die Kinder und Jugendlichen nicht mehr in die Vereine eintreten; sie altern vor sich hin. Das ist hier Gott sei Dank noch anders, aber in den Großstädten wird die Entwicklung ja immer schon vorweg genommen. Dort suchen sich die Jugendlichen Zufallsgemeinschaften, oder sie machen die Technik zu ihrem Begleiter, also Computer, Handy, Fernsehen, Internet und so weiter.

Und die zweite Bedingung, die sie brauchen, ist, dass Erwachsene Zeit für sie haben. Das schönste Geschenk, das Erwachsene Kindern machen können, ist Zeit. Das sollten sich besonders die Herren der Schöpfung, die Väter, als Hauptsatz mit nach Hause nehmen. Das heißt, diejenigen, die jetzt hier sind, die zeigen ja schon, dass sie sich Zeit nehmen, aber das ist eine Minderheit. In Deutschland ist die Durchschnittszeit, die ein Vater, die Väter sich für ihre Kinder nehmen, 20 Minuten. Da stehen natürlich die Frauen gut da. Und deswegen müssen wir dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche Gemeinschaften erleben, und dass die Erwachsenen eben Zeit für sie haben. Und genau das ist geschehen in diesen Tagen. Sie haben Gemeinschaften erlebt, Lesegemeinschaften, ein Gemeinschaftserlebnis gehabt, und sie haben Erwachsene gehabt, die Zeit für sie gehabt haben. Und das müsste eigentlich die Normalität werden an unseren deutschen Schulen, denn unsere deutschen Schulen sind dadurch gekennzeichnet, dass die Erwachsenen eigentlich keine Zeit haben. Die Lehrer hecheln durch die Lehrpläne im Dreiviertelstundentakt jeden Morgen, und nachmittags sind sie nicht mehr vorhanden. Das heißt, sie haben nur Zeit für die akademische Bildung, sie haben aber keine Zeit für die Persönlichkeitsbildung, und das müsste sich fundamental ändern. Das heißt, solche Ereignisse wie sie jetzt ausnahmsweise vier Tage hier stattgefunden haben, sollten die Regel werden, und die Lehrer insbesondere sollten mehr Zeit für Kinder haben. Und natürlich, was wäre die Einrichtung, die das garantieren könnte? Die Ganztagsschule! Die flächendeckende und verpflichtende Ganztagsschule, das will ich hier nur als Botschaft bringen.

Wenn wir Bildung so verstehen: Bildung, letztlich das Zentrum von Bildung, ist, Selbstwertgefühl zu stärken, und jeder Lehrer sollte, wenn er Latein unterrichtet oder Mathematik oder Deutsch nicht zum Ziel sich nehmen, dass die Kinder und Jugendlichen am Ende irgendeinen abstrakten Wissensstatus erreichen, sondern dass sie mit Hilfe von Deutschunterricht und mit Hilfe von Mathematikunterricht stärker werden. Und wenn Lehrer einmal begreifen würden, dass sie nicht Fächer unterrichten sollten, sondern Kinder unterrichten sollten, dass also das Kind im Vordergrund stehen sollte, dann würde den Kindern geholfen, glückliche Menschen zu werden. Vielen Dank!"


LESEZEICHEN e.V.

Sibylla Kleffner
Stellvertr. Vorsitzende
Seestraße 41

D-88662 Überlingen
Fon: +49. 7551. 6 19 89
Fax: +49. 7551. 94 81 96



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